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Digitale Pflegeprozesse · Heiko Mania · Admin · 2 Follower · 03.09.2026 · 171 Aufrufe

Digital Burden: Warum Digitalisierung Pflege nicht automatisch entlastet

Digitalisierung soll Pflegefachkräfte entlasten. Doch in vielen Einrichtungen erleben Pflegende etwas anderes: Mehr Klicks, mehr Logins, mehr Dokumentation, mehr Unterbrechungen und immer neue Systeme. Genau für dieses Phänomen etabliert sich international zunehmend ein Begriff, der in der Pflegeinformatik deutlich mehr Aufmerksamkeit verdient: Digital Burden.

Wer heute über Digitalisierung in der Pflege spricht, verbindet damit häufig positive Erwartungen. Elektronische Dokumentation soll Zeit sparen, mobile Endgeräte Informationen schneller verfügbar machen und Künstliche Intelligenz Routinetätigkeiten übernehmen. All das ist grundsätzlich möglich. Gleichzeitig zeigt die internationale Forschung jedoch ein differenzierteres Bild. Digitale Technologien können Arbeitsabläufe verbessern und die Informationsverfügbarkeit erhöhen, sie können aber ebenso neue Belastungen erzeugen – etwa durch steigende kognitive Anforderungen, zusätzliche Dokumentationsschritte oder komplexere Arbeitsprozesse.

Genau an dieser Stelle setzt das Konzept des Digital Burden an. Gemeint ist nicht die grundsätzliche Arbeit mit digitalen Systemen. Gemeint ist der zusätzliche Aufwand, der entsteht, wenn digitale Technologien die Versorgung nicht vereinfachen, sondern neue Reibung erzeugen. Digital Burden beschreibt damit die Summe aus kognitiver Belastung, zusätzlichem Arbeitsaufwand, Medienbrüchen, unnötigen Klicks, Unterbrechungen und organisatorischen Folgearbeiten, die erst durch digitale Lösungen entstehen.

Digitalisierung produziert nicht automatisch Entlastung

Ein häufiges Missverständnis besteht darin, Digitalisierung mit Automatisierung gleichzusetzen. Tatsächlich werden viele analoge Prozesse zunächst lediglich elektronisch abgebildet. Aus Papierformularen werden Bildschirmmasken. Aus Akten werden digitale Register. Aus einer Unterschrift werden mehrere Freigabeschritte.

Dadurch verschwindet Arbeit nicht zwangsläufig. Sie verändert lediglich ihre Form.

Pflegefachkräfte erleben das täglich. Informationen müssen mehrfach eingegeben werden, weil Systeme nicht miteinander kommunizieren. Zwischen verschiedenen Anwendungen wird ständig gewechselt. Warnmeldungen unterbrechen den Arbeitsfluss. Nach einer automatischen KI-Ausgabe folgt eine manuelle Plausibilitätsprüfung. Und obwohl Informationen digital vorliegen, müssen sie häufig telefonisch oder persönlich abgesichert werden.

Digitalisierung erzeugt in solchen Situationen keinen unmittelbaren Mehrwert. Sie verschiebt Arbeit.

Digital Burden ist mehr als Dokumentationsaufwand

International wird häufig vom Documentation Burden gesprochen. Darunter versteht man die Belastung, die durch Dokumentationspflichten und die Interaktion mit elektronischen Dokumentationssystemen entsteht. Neuere Arbeiten unterscheiden inzwischen zwischen notwendigem Dokumentationsaufwand und unnötiger zusätzlicher Belastung, die durch schlecht gestaltete Systeme oder nicht auf den Versorgungsprozess abgestimmte Dokumentationsanforderungen entsteht.

Der Begriff Digital Burden geht aus meiner Sicht noch einen Schritt weiter.

Er umfasst nicht nur Dokumentation, sondern sämtliche digitalen Reibungsverluste innerhalb eines Pflegeprozesses. Dazu gehören beispielsweise mehrfaches Anmelden an unterschiedlichen Systemen, fehlende Interoperabilität und doppelte Dateneingaben, zusätzliche Kontroll- und Freigabeschritte, Alarmmüdigkeit durch zu viele Benachrichtigungen, Medienbrüche zwischen digitalen und analogen Prozessen, Suchzeiten nach Informationen, kognitive Belastung durch komplexe Benutzeroberflächen und technikbedingte Unterbrechungen des Arbeitsablaufs.

Digital Burden beschreibt damit nicht einzelne Softwareprobleme, sondern die Gesamtbelastung, die aus dem Zusammenspiel verschiedener digitaler Systeme entsteht.

Die eigentliche Belastung entsteht im Kopf

Besonders interessant ist, dass sich viele Auswirkungen gar nicht unmittelbar als Zeitverlust messen lassen.

Mehrere wissenschaftliche Arbeiten weisen darauf hin, dass elektronische Dokumentationssysteme zwar die Informationsverfügbarkeit verbessern können, gleichzeitig aber häufig die kognitive Belastung erhöhen. Pflegefachkräfte müssen Informationen aus verschiedenen Ansichten zusammenführen, Prioritäten setzen, Warnmeldungen bewerten und ständig zwischen unterschiedlichen Informationsquellen wechseln.

Diese mentale Zusatzarbeit bleibt in klassischen Wirtschaftlichkeitsbetrachtungen meist unsichtbar. Sie entscheidet jedoch maßgeblich darüber, ob digitale Systeme als Unterstützung oder als Belastung wahrgenommen werden.

Deshalb braucht Digitalisierung eine Outcome-Perspektive

Genau hier sehe ich eine der zentralen Aufgaben der Pflegeinformatik.

Wir sollten digitale Projekte nicht mehr danach bewerten, wie viele Tablets angeschafft, wie viele Lizenzen verteilt oder wie viele Prozesse digitalisiert wurden.

Die entscheidende Frage lautet vielmehr:

Hat sich der Digital Burden nach der Einführung tatsächlich verringert?

Damit wird Digital Burden zu einer messbaren Zielgröße.

Im Rahmen der Initiative Digital Nursing Outcome Assessment (DNOA) diskutieren wir deshalb genau diese Perspektive. Neben klassischer Zeitersparnis sollten auch digitale Zusatzbelastungen systematisch erfasst werden. Wie viele zusätzliche Klicks entstehen? Wie häufig müssen Informationen nachbearbeitet werden? Wie viele Medienbrüche bleiben bestehen? Wie hoch ist der Kontrollaufwand bei KI-gestützten Vorschlägen? Und wie verändert sich die tatsächliche Pflegezeit am Patienten?

Denn eine Technologie, die theoretisch zehn Minuten Dokumentationszeit spart, gleichzeitig aber acht Minuten zusätzlichen Kontroll- und Abstimmungsaufwand erzeugt, liefert eben keine zehn Minuten Entlastung.

Sie liefert zwei.

Weniger Digital Burden sollte ein eigenes Projektziel werden

Vielleicht brauchen wir deshalb künftig einen neuen Erfolgsmaßstab für Digitalisierungsprojekte.

Nicht: Wie viel Digitalisierung haben wir eingeführt?

Sondern: Wie viel Digital Burden haben wir beseitigt?

Das würde den Blick konsequent auf die Arbeitsrealität von Pflegefachkräften richten. Gute Digitalisierung erkennt man nicht daran, dass mehr Bildschirme genutzt werden. Gute Digitalisierung erkennt man daran, dass weniger Reibung entsteht, Informationen dort verfügbar sind, wo sie benötigt werden, und Pflegefachkräfte wieder mehr Zeit für ihre eigentliche Aufgabe haben: die Versorgung von Menschen.

Gerade in Zeiten von Künstlicher Intelligenz wird dieser Gedanke noch wichtiger. KI kann Dokumentation beschleunigen, Informationen zusammenfassen oder Entscheidungen vorbereiten. Gleichzeitig kann sie neue Prüfpflichten, Unsicherheiten und Verantwortungsfragen erzeugen. Ob daraus Entlastung oder zusätzliche Belastung entsteht, entscheidet sich nicht im Algorithmus, sondern im klinischen Alltag.

Vielleicht sollten wir deshalb aufhören, Digitalisierung ausschließlich an neuen Funktionen zu messen.

Und stattdessen beginnen, Digital Burden systematisch zu reduzieren.

Wie erlebt ihr das in eurem Arbeitsalltag? Wo entstehen durch digitale Systeme tatsächlich Entlastung – und wo erzeugen sie eher neuen Digital Burden?

burden

Dieser Text wurde mit Unterstützung von KI erstellt.

Digital Burden, Pflegeinformatik, DNOA, Digitalisierung, Interoperabilität, KI, Dokumentation, Workflow

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