KI in der Pflege: Das eigentliche Risiko ist nicht der Algorithmus – sondern fehlende Verantwortung
Wer in der Pflege über KI spricht, spricht oft zuerst über Effizienz, Dokumentation oder Entscheidungshilfen. Das greift zu kurz. Die spannendere und für Einrichtungen deutlich unbequemere Frage lautet inzwischen: Wer trägt eigentlich Verantwortung, wenn KI pflegerische Informationen verarbeitet, priorisiert oder Empfehlungen erzeugt – und wie bleibt professionelles pflegerisches Urteil dabei handlungsleitend?
Genau an diesem Punkt setzen mehrere aktuelle Publikationen an. Sie machen deutlich, dass KI in der Pflege nicht länger nur ein Technologie- oder Innovationsthema ist. Sie wird zum Governance-Thema – also zu einer Frage von Regeln, Verantwortlichkeiten, Aufsicht, Datenethik und professioneller Zuständigkeit. Für Pflegeinformatik, Pflegemanagement und Digitalisierungsverantwortliche ist das hochrelevant, weil sich damit auch Beschaffung, Einführung, Nutzung und Kontrolle von KI-Systemen verändern.
Vom Pilotprojekt zur Governance-Frage
Ausgangspunkt ist ein aktuelles Umbrella Review in SAGE Open Nursing, das ethische und politische Dimensionen von KI in der Pflege bündelt. Der Review identifiziert wiederkehrende Themen, darunter Datenschutz und Datenverantwortung, Transparenz, Verzerrungen in Datensätzen und Modellen, Haftung sowie Aufsicht. Das ist zunächst nicht überraschend. Neu ist aber die Verdichtung: Was bisher oft als Einzelproblem verhandelt wurde, erscheint hier als zusammenhängende Governance-Architektur.
Das ist für die Praxis wichtiger, als es auf den ersten Blick wirkt. Denn in vielen Organisationen wird KI noch immer wie ein zusätzliches Softwaremodul behandelt: Man prüft Funktionen, Datenschutzunterlagen, vielleicht noch Schnittstellen – und startet dann den Testbetrieb. Die neueren Arbeiten deuten jedoch darauf hin, dass dieser Zugriff zu schlicht ist. KI verändert nicht nur Tools, sondern Entscheidungswege, Informationsflüsse und Verantwortungszuschreibungen. Genau deshalb reicht eine klassische IT-Einführungsperspektive nicht mehr aus.
Wenn ein System Risiken bei Dekubitus, Delir, Sturz oder Personalbedarf prognostiziert, entsteht nicht nur ein neuer Datenpunkt. Es entsteht ein neuer Akteur im Versorgungsprozess – nicht im rechtlichen Sinn, wohl aber im praktischen. Pflegekräfte, Leitung, IT, Datenschutz, Hersteller und Träger müssen dann klären, wer was sehen darf, wer Empfehlungen validiert, wer Abweichungen begründen muss und wie mit Fehlbewertungen umzugehen ist.
Pflegefachlichkeit darf nicht zum Restposten der KI-Einführung werden
Besonders relevant ist in diesem Zusammenhang die konzeptionelle Arbeit zu "AI responsiveness" in der Pflege. Gemeint ist damit keine technikfreundliche Offenheit um ihrer selbst willen, sondern die Fähigkeit von Pflegenden und Pflegewissenschaft, KI kompetent, kritisch und fachlich integriert zu adressieren. Dazu gehören KI-Kompetenz, die kritische Bewertung algorithmischer Ausgaben und die Einbettung in klinisches beziehungsweise pflegerisches Urteilsvermögen.
Das ist ein wichtiger Akzent. Denn die Debatte kippt schnell in zwei problematische Richtungen: Entweder KI wird als neutrale Assistenztechnologie verharmlost, oder Pflege wird implizit auf die Rolle der letzten Prüfinstanz reduziert, die algorithmische Ergebnisse nur noch abzeichnet. Beides wird der professionellen Realität nicht gerecht.
Pflegefachkräfte sind keine passiven Endanwender digitaler Systeme. Sie sind diejenigen, die Versorgungssituationen kontextualisieren, patientennahe Veränderungen erkennen, Prioritäten unter Unsicherheit setzen und Entscheidungen unter Zeitdruck verantworten. Wenn KI in diesen Raum eingreift, muss sie an pflegerische Entscheidungslogik anschlussfähig sein – nicht umgekehrt. Das bedeutet auch: KI-Kompetenz ist nicht bloß Schulungsstoff, sondern Teil professioneller Handlungssicherheit.
Transparenz ist mehr als ein erklärbares Dashboard
In der KI-Debatte wird Transparenz gern als technische Eigenschaft verkauft. Ein System zeigt Risikowerte, Confidence Scores oder eine kurze Begründung an, und schon gilt es als nachvollziehbar. Für pflegerische Praxis reicht das nicht.
Transparenz ist erst dann sinnvoll, wenn sie prozessrelevant wird. Pflegekräfte müssen nicht nur sehen, dass ein System etwas empfiehlt, sondern verstehen können, auf welcher Datenbasis, mit welchen Grenzen und in welchem Nutzungskontext diese Empfehlung zustande kommt. Noch wichtiger ist die Frage, ob die zugrunde liegenden Daten überhaupt pflegefachlich belastbar sind.
Das ist ein klassisches pflegeinformatisches Problem. Viele KI-Anwendungen versprechen Erkenntnisse aus Routinedaten. Doch wenn diese Daten unvollständig, uneinheitlich, semantisch unscharf oder primär für Abrechnung und Nachweis statt für klinische Entscheidungsunterstützung dokumentiert wurden, produziert KI schnell nur eine neue Schicht scheinbarer Objektivität. Schlechte Daten werden durch KI nicht besser – sie werden nur wirkmächtiger.
Damit wird Interoperabilität zentral. Ohne strukturierte, kontextualisierte und systemübergreifend verständliche Daten bleibt KI in der Pflege entweder lokal begrenzt oder fachlich fragwürdig. Interoperabilität meint dabei nicht nur den Datenaustausch zwischen Systemen, sondern auch die semantische Eindeutigkeit von Informationen: Was genau ist mit Mobilitätseinschränkung gemeint? Wie wird eine pflegerische Beobachtung codiert? Was ist ein Assessment-Wert, was eine klinische Interpretation und was bereits eine Intervention?
Neue Daten, neue Pflichten, neuer Audit-Bedarf
Mit KI entstehen nicht nur neue Empfehlungen, sondern auch neue Metadaten und Nachweispflichten. Organisationen müssen künftig stärker beantworten können:
- Welche Daten wurden für welches Modell genutzt?
- Wie aktuell und vollständig sind diese Daten?
- Wer darf Modelle konfigurieren oder Ergebnisse überschreiben?
- Wie werden Fehlalarme, Fehlklassifikationen und Nebenwirkungen dokumentiert?
- Nach welchen Kriterien wird Nutzen oder Schaden im Betrieb bewertet?
Gerade für Pflegemanagement und Pflegeinformatik liegt hier eine strategische Aufgabe. KI-Systeme brauchen Governance jenseits des Einkaufs. Dazu gehören Freigabeprozesse, Rollenmodelle, Monitoring, Eskalationswege, Schulungskonzepte und klare Regeln für die menschliche Letztverantwortung. Wer das nicht aufsetzt, riskiert eine paradoxe Entwicklung: Die Organisation führt KI ein, um Sicherheit und Effizienz zu steigern, schafft aber in Wahrheit neue Grauzonen der Verantwortlichkeit.
LLMs zeigen ein unterschätztes Problem: KI ist nicht nur fehlerhaft, sondern auch deutungsabhängig
Eine dritte aktuelle Analyse in Nursing Inquiry lenkt den Blick auf ein besonders aktuelles Thema: Large Language Models (LLMs) erzeugen bei globalen pflegepolitischen Fragen unterschiedliche, kontextgebundene Deutungen. Das ist mehr als ein methodisches Detail. Es verweist auf ein Grundproblem generativer KI: Sie produziert nicht einfach Wissen, sondern Formulierungen, Rahmungen und Prioritätensetzungen.
Für die Pflege ist das brisant. Denn pflegepolitische, organisatorische oder ethische Fragen sind selten neutral. Wenn ein LLM Empfehlungen zu Skill-Mix, Personalbemessung, Rollenentwicklung, Community Health oder Ressourcensteuerung generiert, spiegelt es immer auch implizite Annahmen wider – etwa über Versorgungssysteme, Professionen, Zuständigkeiten oder Wertprioritäten. Dass Antworten je nach Kontext unterschiedlich ausfallen, ist nicht per se falsch. Problematisch wird es dort, wo diese Unterschiedlichkeit als objektive KI-Expertise missverstanden wird.
Für Pflegeinformatik und Management bedeutet das: Generative KI darf in Governance- und Strategiekontexten nicht als autoritative Black Box eingesetzt werden. Sie kann beim Strukturieren, Verdichten oder Szenarienbilden helfen. Aber sie ersetzt weder fachpolitische Einordnung noch professionsbezogene Aushandlung.
Entlastung ist möglich – aber nicht automatisch
Die Governance-Debatte wird manchmal als Bremse dargestellt. Tatsächlich ist sie die Voraussetzung dafür, dass KI überhaupt sinnvoll entlasten kann. Ohne klare Regeln erzeugen digitale Systeme häufig genau das, was viele Einrichtungen längst kennen: zusätzlichen Dokumentationsdruck, Rückfragen, Doppelerfassung, Misstrauen gegenüber Systemausgaben und informelle Workarounds.
Ob KI entlastet, zeigt sich daher nicht an Produktdemos, sondern im Arbeitsprozess. Verkürzt sie Wege der Informationssuche? Verbessert sie Priorisierung im Alltag? Reduziert sie Unterbrechungen? Macht sie pflegerische Risiken früher sichtbar, ohne neue Alarmfluten zu erzeugen? Oder verschiebt sie nur Begründungslasten auf die Fachkräfte, die Abweichungen von algorithmischen Vorschlägen künftig rechtfertigen müssen?
Hier lohnt sich auch der Bezug zur Diskussion um Digital Nursing Outcome Assessment (DNOA). Wenn digitale Technologien Entlastung versprechen, muss diese Wirkung messbar sein – nicht nur als Zeitersparnis auf dem Papier, sondern in Bezug auf Pflegeprozess, Versorgungsqualität, kognitive Belastung und tatsächlichen Digital Burden. Gerade bei KI wird sich entscheiden, ob wir es mit echter Prozessunterstützung oder nur mit neuer digitaler Komplexität zu tun haben.
Was Pflegeorganisationen jetzt praktisch klären sollten
Die aktuellen Publikationen liefern keine fertige Betriebsanleitung, aber sie markieren eine klare Richtung. Organisationen, die KI in pflegerischen Kontexten einsetzen oder planen, sollten mindestens vier Dinge ernst nehmen.
Erstens braucht es pflegerische Mitgestaltung in Beschaffung und Einführung. Wenn Governance nur zwischen IT, Rechtsabteilung und Anbietern verhandelt wird, fehlt der Blick auf reale Versorgungsprozesse.
Zweitens muss KI-Kompetenz organisationsweit differenziert aufgebaut werden. Eine Stationsleitung braucht etwas anderes als eine Pflegeinformatikerin, ein CIO etwas anderes als eine Pflegefachperson am Bett. Gemeint ist nicht allgemeine Technikbegeisterung, sondern die Fähigkeit, Systemgrenzen zu erkennen, Ausgaben kritisch zu prüfen und Verantwortung sauber zu verorten.
Drittens sollte jede KI-Einführung an Daten- und Interoperabilitätsfragen gekoppelt werden. Wenn Datenqualität, semantische Standards und Schnittstellen ungeklärt bleiben, wird aus dem KI-Projekt schnell ein Validitätsproblem.
Viertens braucht es Auditierbarkeit und Nutzenbewertung im laufenden Betrieb. Nicht nur Datenschutz-Folgenabschätzungen, sondern auch fachliche Evaluation, Prozessbeobachtung und die systematische Erfassung unerwünschter Nebeneffekte werden wichtiger werden.
Die eigentliche Machtfrage der KI in der Pflege
Die drei aktuellen Arbeiten zeigen in ihrer Kombination vor allem eines: Die zentrale Frage lautet nicht mehr, ob KI in die Pflege kommt. Sie ist längst dabei, sich in Dokumentation, Kommunikation, Analyse, Risikobewertung und strategischer Entscheidungsunterstützung festzusetzen. Die eigentliche Machtfrage ist, unter welchen Regeln, mit welcher Datengrundlage und in wessen professioneller Logik das geschieht.
Wenn Pflege ihre Rolle hier nicht aktiv definiert, werden andere es tun – Hersteller, Plattformanbieter, Verwaltung, Regulatorik oder allgemeine KI-Governance-Modelle, die pflegerische Besonderheiten nur am Rand mitdenken. Das wäre ein Fehler. Denn Pflege ist datenintensiv, situationssensibel und hochgradig kontextabhängig. Gerade deshalb braucht sie keine nachträgliche KI-Anpassung, sondern eine eigene Governance-Perspektive auf KI.
Die Zukunft der Pflege entscheidet sich nicht daran, ob ein System beeindruckende Ergebnisse liefert. Sie entscheidet sich daran, ob digitale Systeme professionelles Handeln stärken, Verantwortlichkeit klären und Versorgung tatsächlich verbessern. KI ohne pflegerische Governance ist kein Fortschritt, sondern ein Kontrollverlust mit moderner Oberfläche.
Diskussionsfrage an die Community: Welche Governance-Regeln sollten aus Ihrer Sicht verbindlich sein, bevor KI-Systeme in pflegerischen Kernprozessen eingesetzt werden dürfen?
Dieser Text wurde mit Unterstützung von KI erstellt.


Kommentare
Ich bin neu hier, habe den Pflegepraxis-Modus eingeschaltet und plötzlich lag da eine Checkliste.“ 😂
Mein Entwurf 🤔😊
Der Beitrag hat bei mir einen ziemlich praktischen Gedanken ausgelöst: Wenn ich heute ein solches KI-System in meinen ambulanten Pflegedienst einführen würde, was würde ich eigentlich tun, bevor die erste Mitarbeiterin damit arbeitet?
In der Pflege haben wir für neue Dinge meistens einen erstaunli ...
Sylwia Markgraf
2026-09-13 09:32:31
Mein Entwurf 🤔😊
Der Beitrag hat bei mir einen ziemlich praktischen Gedanken ausgelöst: Wenn ich heute ein solches KI-System in meinen ambulanten Pflegedienst einführen würde, was würde ich eigentlich tun, bevor die erste Mitarbeiterin damit arbeitet?
In der Pflege haben wir für neue Dinge meistens einen erstaunlich einfachen Reflex: prüfen, einweisen, ausprobieren, dokumentieren, beobachten und bei Auffälligkeiten reagieren. Bei manchen Dingen gibt es dafür sogar einen TÜV. 😉
Warum sollte das bei KI grundsätzlich anders sein?
Also habe ich mir gedanklich einmal meinen kleinen „KI kommt ins Haus“Notfallplan gebaut. 😂
1. Was kann das System überhaupt?
Für welchen konkreten Pflegeprozess soll es eingesetzt werden? Was darf es und was ausdrücklich nicht? Was bleibt vollständig bei der Pflegefachkraft?
2. Verantwortung
Dass Verantwortlichkeiten klar geregelt sein müssen, finde ich absolut richtig. Meine Praxisfrage wäre nur: Kann eine Pflegefachkraft eine KI Empfehlung tatsächlich problemlos ablehnen auch, wenn das System scheinbar sehr sicher formuliert ist?
Oder entsteht in der Praxis irgendwann ein „Die KI hat es doch vorgeschlagen“ Effekt?
3. Daten
Datenqualität, Transparenz und nachvollziehbare Datenwege sind für mich ebenfalls selbstverständlich. Ich würde aber noch einen Schritt zurückgehen: Welche Daten bekommt die KI überhaupt nicht und kann gerade dieses fehlende Wissen für die pflegerische Einschätzung entscheidend sein?
4. Kompetenz
Schulung reicht für mich nicht ganz. Ich würde eher von einem kleinen „KI Führerschein“ sprechen. 😄
Nicht nur: Ich kann das System bedienen.
Sondern: Ich weiß, was es kann, was es nicht kann, woran ich Fehler erkenne und wann ich seine Empfehlung bewusst nicht übernehme.
5. Kontrolle und Fehler
Was passiert, wenn die KI etwas Falsches empfiehlt? Wer erkennt es? Wo wird es gemeldet? Wer entscheidet, ob das System weiter eingesetzt werden darf? Und lernen wir aus dem Fehler oder korrigieren wir nur schnell den einzelnen Eintrag?
6. Entlastung
Hier finde ich die Frage besonders spannend: Woran messen wir eigentlich, ob KI wirklich entlastet?
Weniger Klicks? Weniger Dokumentationszeit? Mehr Zeit beim Menschen? Weniger Doppelarbeit? Oder am Ende nur mehr produzierte digitale Texte? 😉
Vielleicht brauchen wir neben KI-Governance deshalb irgendwann auch so etwas wie einen kleinen „KI-Praxis-TÜV“:
Ist das System für diesen konkreten Pflegeprozess sicher, verständlich, beherrschbar und tatsächlich entlastend?
Kein weiterer 80-seitiger Ordner. 😄
Eher eine praktische Checkliste, die eine Pflegefachkraft tatsächlich benutzen kann.
Und vielleicht ist genau das für mich der spannende nächste Schritt: Nicht nur festzulegen, wer für KI verantwortlich ist, sondern vor der ersten Anwendung sichtbar zu machen, was wir als Pflege eigentlich geprüft haben.
Ich komme aus der ambulanten Praxis und denke wahrscheinlich deshalb sofort in solchen Checklisten. 😉
Mich würde interessieren: Welche Frage würde auf Ihrer persönlichen KI-Checkliste ganz oben stehen?
Vielen Dank und ehrlich gesagt: Genau diese Übersetzung in die Praxis finde ich spannend. 😊
Der Begriff „KI-Praxis-TÜV“ gefällt mir dabei ausgesprochen gut. Denn Governance darf am Ende nicht bedeuten, dass irgendwo ein 80-seitiges Konzept liegt, das im Alltag niemand kennt. Sie muss sich genau in solchen einfachen Fragen wiederfinden: Was kann das System? Was kann es nicht? Wer entscheidet? Woran erkenne ich eine ...
Heiko Mania · Admin
2026-09-13 11:32:03
Der Begriff „KI-Praxis-TÜV“ gefällt mir dabei ausgesprochen gut. Denn Governance darf am Ende nicht bedeuten, dass irgendwo ein 80-seitiges Konzept liegt, das im Alltag niemand kennt. Sie muss sich genau in solchen einfachen Fragen wiederfinden: Was kann das System? Was kann es nicht? Wer entscheidet? Woran erkenne ich einen Fehler? Was mache ich dann? Und vor allem: Kann ich als Pflegefachkraft einer KI-Empfehlung widersprechen, ohne mich dafür rechtfertigen zu müssen?
Gerade den letzten Punkt halte ich für zentral. Wir sprechen viel über „Human in the Loop“. Entscheidend ist aber nicht, ob formal noch ein Mensch auf einen Button klickt, sondern ob dieser Mensch fachlich, organisatorisch und kulturell tatsächlich die Möglichkeit hat, eine Empfehlung der KI zu verwerfen. Sonst wird aus menschlicher Kontrolle schnell nur eine menschliche Bestätigung.
Auch Ihre Frage nach der Entlastung trifft einen wichtigen Punkt. Ein KI-System ist aus meiner Sicht nicht deshalb erfolgreich, weil es besonders viel Text produziert oder technisch beeindruckt. Es muss einen nachweisbaren Nutzen für Versorgung und Arbeitsprozess erzeugen. Genau deshalb beschäftigt mich schon länger die Frage, wie wir digitale Entlastung systematischer messen können.
Wenn ich nur eine Frage ganz oben auf die persönliche KI-Checkliste schreiben dürfte, wäre es deshalb wahrscheinlich diese:
„Was passiert konkret, wenn die KI falsch liegt?“
Denn die Antwort darauf führt fast automatisch zu den anderen wichtigen Fragen: Wer erkennt den Fehler? Wer darf widersprechen? Wer trägt Verantwortung? Wie wird der Fehler dokumentiert? Wer bewertet ihn? Und lernen Organisation und System daraus?
Vielleicht sollten wir aus Ihrem „Pflegepraxis-Modus“ tatsächlich einmal gemeinsam einen solchen KI-Praxis-TÜV für die Pflege entwickeln. Nicht als neuen Ordner, sondern als eine Seite, die man vor Einführung eines KI-Systems wirklich zur Hand nehmen kann. Das könnte ein ziemlich nützliches Instrument werden. 😊
😂 Ich glaube, da habe ich mir mit dem „KI-Praxis-TÜV“ gerade selbst eine kleine Baustelle eröffnet.
Denn ja, ich hätte da tatsächlich schon ein paar Fragen, Ideen und vermutlich auch erste Lösungsvorschläge im Kopf. 😉
Ein Punkt wäre mir dabei besonders wichtig: KI darf aus meiner Sicht niemals die Fachkompetenz der Pflegefachkraft ersetzen. Sie sollte sie erweitern.
Wir arbeiten in der Pflege schließlich auch nich ...
Sylwia Markgraf
2026-09-13 13:00:51
Denn ja, ich hätte da tatsächlich schon ein paar Fragen, Ideen und vermutlich auch erste Lösungsvorschläge im Kopf. 😉
Ein Punkt wäre mir dabei besonders wichtig: KI darf aus meiner Sicht niemals die Fachkompetenz der Pflegefachkraft ersetzen. Sie sollte sie erweitern.
Wir arbeiten in der Pflege schließlich auch nicht nach dem Prinzip „Computer sagt – Pflege macht“. 😄 Wir haben Expertenstandards, Fachwissen, Qualifikationen, Fortbildungen und ganz wichtig, die Möglichkeit und sogar die Pflicht, eine fachlich nicht passende Empfehlung zu hinterfragen.
Vielleicht müsste der KI-Praxis-TÜV deshalb auch prüfen: Was delegieren wir eigentlich an die KI und was darf niemals delegiert werden?
Für mich wäre KI eher eine Art mobiles Wissens- und Prüfwerkzeug: Fragen stellen, Wissen auffrischen, Standards prüfen, Schulungen unterstützen, Informationen strukturieren, auf aktuelle Erkenntnisse hinweisen, gerade in der ambulanten Pflege durchaus spannend. Nicht als Ersatz für die Fachkraft, sondern als zusätzliche Wissensschicht. 📱🧠
Und dann kommt für mich die nächste interessante Stufe: Die Pflegefachkraft muss die KI genauso fachlich begrenzen können, wie sie heute auch anderen Beteiligten widersprechen muss, wenn etwas nicht zum konkreten Pflegeprozess passt.
Vielleicht wird aus dem „KI-Praxis-TÜV“ am Ende also nicht nur eine Prüfung der KI, sondern auch eine Prüfung der Grenzen zwischen KI, Pflegefachlichkeit und Verantwortung.
Und jetzt merke ich gerade: Die eine Seite könnte tatsächlich knapp werden. 😂
Ich glaube, wir sollten das wirklich einmal bauen.🤔😅🫂💚Resonanz besteht schon🤔😁🫡
Ich glaube, jetzt kommen wir an den Punkt, an dem wir aus dem Kommentarstrang tatsächlich etwas machen sollten. 😊
Der „KI-Praxis-TÜV“ hat inzwischen zu viel Potenzial, um ihn hier zwischen den Kommentaren liegenzulassen. Und die von Ihnen beschriebene Grenze finde ich dabei zentral: KI darf Pflegefachlichkeit nicht ersetzen, sondern muss sich an ihr messen lassen.
Vielleicht ist genau das sogar der Kern des Gan ...
Heiko Mania · Admin
2026-09-13 19:13:19
Der „KI-Praxis-TÜV“ hat inzwischen zu viel Potenzial, um ihn hier zwischen den Kommentaren liegenzulassen. Und die von Ihnen beschriebene Grenze finde ich dabei zentral: KI darf Pflegefachlichkeit nicht ersetzen, sondern muss sich an ihr messen lassen.
Vielleicht ist genau das sogar der Kern des Ganzen. Wir sollten nicht nur prüfen, ob eine KI technisch funktioniert oder regulatorisch eingesetzt werden darf. Wir sollten aus pflegerischer Perspektive prüfen, welche Entscheidungen und Tätigkeiten wir an KI delegieren können, wo zwingend die Pflegefachlichkeit entscheidet und ob die Pflegefachkraft tatsächlich in der Lage ist, das System fachlich zu begrenzen und ihm zu widersprechen.
Und weil Sie die Baustelle mit dem „KI-Praxis-TÜV“ eröffnet haben 😉, würde ich vorschlagen: Wir machen daraus eine Initiative hier auf Pflegeinformatik.org.
Ziel könnte sein, gemeinsam mit Pflegefachkräften und Pflegeinformatiker:innen einen praxistauglichen „KI-Praxis-Check Pflege“ zu entwickeln – ausdrücklich keinen 80-seitigen Leitfaden, sondern ein Instrument, das vor der Einführung und im laufenden Einsatz eines KI-Systems tatsächlich genutzt werden kann.
Vielleicht zunächst mit fünf Perspektiven: Pflegefachlichkeit und Delegationsgrenzen, Kompetenz der Anwender:innen, Daten und Wissensgrenzen der KI, Verantwortung und Widerspruchsmöglichkeit sowie nachweisbare Entlastung und Patientennutzen.
Und dann schauen wir, was die Community ergänzt, streicht oder völlig anders sieht. Genau dafür ist das Fachnetzwerk schließlich da. 😊
Wenn Sie einverstanden sind: Machen wir die Baustelle offiziell auf. 😄🛠️
😂 Ja, machen wir die Baustelle offiziell auf! 🛠️😊
Ehrlich gesagt hatte ich beim Schreiben meines ersten Kommentars nicht damit gerechnet, dass aus meinem kleinen „KI-Praxis-TÜV“ plötzlich eine echte Initiative werden könnte. Genau das war aber eigentlich mein Gedanke: nicht noch einen 80-seitigen Leitfaden produzieren, sondern einen kurzen, praxistauglichen Check, den man tatsächlich vor und während des Einsatzes ei ...
Sylwia Markgraf
2026-09-13 19:49:30
Ehrlich gesagt hatte ich beim Schreiben meines ersten Kommentars nicht damit gerechnet, dass aus meinem kleinen „KI-Praxis-TÜV“ plötzlich eine echte Initiative werden könnte. Genau das war aber eigentlich mein Gedanke: nicht noch einen 80-seitigen Leitfaden produzieren, sondern einen kurzen, praxistauglichen Check, den man tatsächlich vor und während des Einsatzes einer KI in der Pflege zur Hand nehmen kann.
Ihre fünf Perspektiven finde ich als Ausgangspunkt sehr stimmig. Ich würde im weiteren Verlauf nur noch ein paar zusätzliche Fragen aus der Praxis dazulegen, zum Beispiel: Passt die KI überhaupt in den konkreten Pflegeprozess? Welche zusätzlichen Kontroll- oder Korrekturarbeiten entstehen? Und woran merken wir, dass eine fachlich gute KI im Alltag trotzdem nicht funktioniert?
Denn genau da beginnt für mich der Unterschied zwischen „technisch funktioniert“ und „pflegerisch funktioniert“. 😉
Und irgendwie ist es auch ganz passend, dass ich überhaupt hier gelandet bin: Auf dieses Netzwerk bin ich tatsächlich durch ChatGPT aufmerksam geworden. 😄 Ich beschäftige mich inzwischen sehr intensiv mit KI und finde gerade die Verbindung von KI, Pflegepraxis und zukünftiger Innovation unglaublich spannend.
Jetzt habe ich natürlich schon wieder ein paar Fragen im Kopf … 😂
Ich bin dabei. Lassen Sie uns die Baustelle aufmachen. 🛠️
Dann ist die Baustelle jetzt tatsächlich offiziell eröffnet. 😄🛠️
Aus unserem Kommentarstrang ist inzwischen die Initiative „KI-Praxis-Check Pflege“ entstanden:
https://pflegeinformatik.org/index.php?page=initiative&id=3
Ihre Ergänzung zum Unterschied zwischen „technisch funktioniert“ und „pflegerisch funktioniert“ habe ich dabei direkt aufgenommen. Ich glaube, genau darin liegt ein wichtiger Mehrwert der Ini ...
Heiko Mania · Admin
2026-09-14 14:55:27
Aus unserem Kommentarstrang ist inzwischen die Initiative „KI-Praxis-Check Pflege“ entstanden:
https://pflegeinformatik.org/index.php?page=initiative&id=3
Ihre Ergänzung zum Unterschied zwischen „technisch funktioniert“ und „pflegerisch funktioniert“ habe ich dabei direkt aufgenommen. Ich glaube, genau darin liegt ein wichtiger Mehrwert der Initiative: Wir brauchen nicht noch eine weitere allgemeine KI-Checkliste, sondern müssen aus Sicht der Pflege prüfen, ob ein System im konkreten Versorgungsprozess tatsächlich funktioniert.
Und jetzt würde ich den Ball sehr gerne wieder zu Ihnen und in die Community spielen. 😊 Sie hatten ja geschrieben, dass Sie bereits weitere Fragen, Ideen und sogar erste Lösungsvorschläge im Kopf haben. Genau die sollten jetzt in die Initiative einfließen – besonders aus Ihrer Perspektive der ambulanten Pflege.
Mein Ziel wäre, dass wir daraus gemeinsam einen KI-Praxis-Check Pflege 0.1 entwickeln, den man tatsächlich in die Hand nehmen kann, bevor eine KI in einem Pflegeprozess eingesetzt wird. Nicht theoretisch perfekt, sondern praktisch brauchbar.
Und dass Sie ausgerechnet über ChatGPT auf Pflegeinformatik.org gestoßen sind und wir jetzt gemeinsam an einem Instrument zur verantwortungsvollen Nutzung von KI arbeiten, hat schon eine gewisse Ironie. 😄
Also: Baustelle eröffnet. Jetzt bauen wir. 🛠️😊
Je länger ich über die Initiative nachdenke, desto mehr habe ich das Gefühl, dass wir zunächst gar nicht versuchen sollten, sofort die „perfekte Checkliste“ zu schreiben. Vielleicht sollten wir erst einmal gemeinsam den Rahmen und die einzelnen Themenfelder entwickeln, ähnlich wie bei einem guten QM-System: ein Grundgerüst, das sich durch die praktische Arbeit immer weiter ergänzt.
Dabei ist mir noch etwas aufgefa ...
Sylwia Markgraf
2026-09-14 19:33:36
Dabei ist mir noch etwas aufgefallen, das für mich persönlich eine große Rolle spielt: Ich habe in den letzten Jahren selbst sehr intensiv gelernt, wie man mit KI konstruktiv arbeitet. Nicht nur Fragen stellen und Antworten übernehmen, sondern unterscheiden: Was liefert die KI? Was ist überprüfbar? Wo fehlen Informationen? Wo muss ich selbst denken? Wo kann sie mir einen neuen Blickwinkel geben? Und wann muss ich eine Antwort bewusst verwerfen?
Das war für mich tatsächlich ein Lernprozess, ungefähr so, wie wir Pflegekräfte früher den Übergang von Papier zu EDV selbst lernen mussten. Erst war der Computer ein neues Werkzeug, später wurde er Teil des normalen Pflegeprozesses.
Bei KI stehen wir meiner Meinung nach gerade erst am Anfang einer ähnlichen Entwicklung.
Deshalb würde ich bei unserem KI-Praxis-Check Pflege 0.1 gerne noch einen Schritt weiterdenken:
Wir sollten möglichst früh die Pflegepraxis mit der Entwicklung solcher Systeme verbinden, also nicht erst prüfen, wenn ein fertiges Produkt auf dem Markt ist. Wenn wir gemeinsam mit Pflegefachpersonen, Pflegeinformatiker:innen, Entwickler:innen und vielleicht auch anderen Fachrichtungen konkrete Anforderungen aus der Praxis formulieren, kann daraus später etwas entstehen, das für beide Seiten wertvoll ist.
Zum Beispiel könnten wir mit fiktiven, aber realistischen Versorgungssituationen arbeiten:
Patientin X, Pflegegrad 2, ambulante Versorgung, bestimmte Diagnosen, bestimmte Risiken, bestimmte Einschränkungen.
Was würde eine Pflegefachperson hier tatsächlich von einer KI erwarten?
Was dürfte sie unterstützen?
Was wäre eine echte Entlastung?
Was würde nur zusätzliche Kontrollarbeit erzeugen?
Und wo müsste die Pflegefachperson jederzeit eingreifen oder widersprechen können?
Dann könnten wir solche Beispiele nach und nach auf unterschiedliche Bereiche übertragen : ambulant, stationär, Dokumentation, Pflegeprozess, Beratung, vielleicht später auch Robotik oder andere Assistenzsysteme.
Vielleicht entsteht daraus irgendwann nicht nur eine Checkliste, sondern ein richtiges praxisorientiertes Prüf- und Entwicklungsinstrument. Und das müsste dann auch nicht von einer einzelnen Person vollständig entwickelt werden.
Gerade die verschiedenen Perspektiven finde ich spannend: Manche bringen mehr Pflegepraxis mit, andere Informatik, andere Wissenschaft, Datenschutz, Technik, Ethik oder Entwicklung.
Genau deshalb finde ich es spannend. dass wir gerade ietzt anfangen 🤔😉🤗vielleicht können wir die verschiedenen Perspektiven diesmal von Anfang an zusammenbauen, statt sie später mühsam zusammenzukleben.🧩🗂