In diesem Konzeptpapier sind die ersten Informationen enthalten.
Nur MitgliederDigital Nursing Outcome Assessment (DNOA)
Ein offenes Rahmenmodell zur systematischen Evaluation der tatsächlichen Entlastungswirkung digitaler Technologien in der Pflege.
Ausgangspunkt
Digitale Technologien werden in der Pflege zunehmend mit dem Versprechen eingeführt, Pflegefachkräfte zu entlasten. Gleichzeitig fehlt bislang ein einheitliches Instrument, mit dem sich diese Entlastungswirkung systematisch und vergleichbar nachweisen lässt.
Das Digital Nursing Outcome Assessment (DNOA) soll diese Lücke schließen. Im Mittelpunkt steht nicht die Frage, ob eine Technologie erfolgreich eingeführt wurde, sondern welche nachweisbare Wirkung sie auf Pflegezeit, Arbeitsprozesse, Pflegequalität, Mitarbeitende, pflegebedürftige Menschen und digitale Integration entfaltet.
Leitfrage
Wie viel professionelle Pflegezeit gibt eine digitale Technologie tatsächlich zurück – und welchen Einfluss hat sie dabei auf Prozesse, Pflegequalität, Mitarbeitende und pflegebedürftige Menschen?
Grundprinzip
DNOA bewertet nicht die Technologie isoliert, sondern den gesamten durch sie veränderten Pflege- oder Arbeitsprozess. Ausgangspunkt ist immer ein konkreter Ist-Prozess. Erst danach werden technische Intervention, Vorher-Nachher-Messung und tatsächliche Wirkung betrachtet.
Ein zentrales Prinzip lautet dabei: Netto statt Brutto messen. Eine digitale Lösung gilt nicht bereits dann als entlastend, wenn ein einzelner Arbeitsschritt schneller wird. Zusätzlicher Kontroll-, Korrektur-, Bedien-, Schulungs- oder Dokumentationsaufwand muss gegengerechnet werden.
Sechs Wirkungsdimensionen
1. Pflegezeit
Gemessen wird die tatsächliche zeitliche Entlastung, beispielsweise Dokumentationszeit, Laufwege, Suchzeiten, Unterbrechungen oder Wartezeiten.
2. Prozesswirkung
Bewertet werden Veränderungen im Arbeitsablauf: Anzahl der Prozessschritte, Medienbrüche, Doppelerfassungen, Systemwechsel und unnötige Tätigkeiten.
3. Pflegequalität
Untersucht werden Auswirkungen auf Vollständigkeit, Aktualität, Fehlerhäufigkeit, Sicherheit, Kontinuität und pflegefachliche Qualität.
4. Pflegefachkräfte
Erfasst werden unter anderem wahrgenommene Belastung, Usability, Zufriedenheit, kognitive Belastung, Akzeptanz und Technikstress.
5. Patient:innen und Bewohner:innen
Bewertet werden mögliche Auswirkungen auf Sicherheit, Reaktionszeiten, Versorgungsqualität, Kontinuität und relevante Outcomes.
6. Information und Digitalität
Hierzu gehören Datenqualität, strukturierte Daten, Interoperabilität, Systemintegration, Wiederverwendbarkeit von Informationen und Vermeidung neuer digitaler Datensilos.
Zentrale Kennzahlen
Nursing Time Returned (NTR)
Der Nursing Time Returned beschreibt die tatsächlich zurückgewonnene professionelle Pflegezeit pro Pflegefachkraft und Schicht oder pro definiertem Prozess.
NTR = eingesparte Arbeitszeit – neu entstandener digitaler Aufwand
Damit wird vermieden, reine Brutto-Zeitersparnisse als Entlastung darzustellen.
Digital Burden Index (DBI)
Der Digital Burden Index bildet zusätzliche digitale Belastung ab, zum Beispiel durch weitere Logins, Anwendungen, Klicks, Systemwechsel, Doppelerfassungen, Fehlalarme, Korrekturen, technische Störungen oder zusätzliche Nachweispflichten.
Vorgeschlagener DNOA-Prozess
- Pflege- oder Arbeitsprozess definieren
Welcher konkrete Prozess soll verbessert werden?
- Ist-Prozess analysieren
Welche Tätigkeiten, Informationen, Wartezeiten, Medienbrüche und Belastungen bestehen heute?
- Baseline erheben
Ausgangswerte für Zeit, Qualität, Belastung und Prozesskennzahlen dokumentieren.
- Digitale Intervention definieren
Welche konkrete Technologie soll welchen Teil des Prozesses verändern?
- Implementieren und stabilisieren
Einführung, Schulung, Integration und ausreichende Nutzungsphase sicherstellen.
- Nachmessung durchführen
Dieselben Kennzahlen wie in der Baseline erneut erheben.
- Netto-Wirkung bewerten
NTR, DBI, Pflegequalität, Mitarbeitendenwirkung, Outcomes und Interoperabilität gemeinsam betrachten.
- Ergebnis transparent dokumentieren
Wirkung, Grenzen, Kontext und Übertragbarkeit nachvollziehbar darstellen.
Beispielanwendung: Sprachbasierte Pflegedokumentation
Eine Einrichtung möchte die pflegerische Verlaufsdokumentation durch Spracherkennung bzw. generative KI unterstützen.
Vor der Einführung werden unter anderem Dokumentationszeit, Doppelerfassungen, Unterbrechungen, zeitnahe Dokumentation, Korrekturaufwand und Mitarbeitendenbelastung erhoben. Nach einer definierten Nutzungsphase werden dieselben Werte erneut gemessen.
Wichtig ist die Netto-Betrachtung: Spart das Diktieren beispielsweise 18 Minuten, entstehen aber 4 Minuten Kontrollaufwand, 2 Minuten Korrekturzeit und 1 Minute zusätzlicher Systemwechsel, beträgt der tatsächliche NTR +11 Minuten pro Pflegefachkraft und Schicht.
Bezug zu Transformationsstellenanteilen
Ein besonderer Anwendungsfall des DNOA ist die Diskussion um Transformationsstellenanteile im Rahmen von § 113e SGB XI. Während die gesetzliche Regelung die Frage adressiert, wie entlastende Technologie finanziert werden kann, soll DNOA die methodische Antwort darauf liefern, ob diese Technologie Pflege tatsächlich und nachweisbar entlastet.
Ein möglicher Mechanismus wäre:
Personallücke identifizieren → Arbeitsprozess analysieren → Entlastungspotenzial bestimmen → Technologie auswählen → DNOA-Baseline → Implementierung → Nachmessung → Wirkung nachweisen.
Damit würde aus einem reinen Investitionsnachweis ein echter Wirkungsnachweis.
Geplante Arbeitspakete
Arbeitspaket 1: DNOA 1.0 Draft Standard
Definition der Wirkungsdimensionen, Kennzahlen, Mindestdatensätze und Bewertungslogik.
Arbeitspaket 2: Assessmentbogen und Wirkungsdashboard
Entwicklung praxistauglicher Instrumente für Einrichtungen, Projekte und wissenschaftliche Evaluationen.
Arbeitspaket 3: Praxiserprobung
Anwendung des DNOA auf mehrere digitale Technologien, beispielsweise:
- sprachbasierte Pflegedokumentation
- automatische Vitalwertübernahme
- Sensorik und Assistenzsysteme
- digitale Tourenplanung
- automatisierte Dienstplanung
- KI-basierte Assistenz- und Entscheidungsunterstützung
Arbeitspaket 4: Review und Weiterentwicklung
Auswertung der Pilotierungen, Überarbeitung des Modells und Veröffentlichung einer konsolidierten Version DNOA 1.0.
Mitwirkung
Die Initiative richtet sich ausdrücklich an Pflegefachkräfte, Pflegeinformatiker:innen, Pflegemanagement, Pflegewissenschaft, Hochschulen, Leistungserbringer, Technologieanbieter und weitere Interessierte.
Gesucht werden insbesondere Beiträge zu sinnvollen Outcome-Kennzahlen, praxistauglichen Messmethoden, Interoperabilitätskriterien, Digital Burden, Pflegequalität und zur Frage, wie digitale Entlastungswirkung wissenschaftlich belastbar und gleichzeitig im Versorgungsalltag handhabbar erfasst werden kann.
Ergebnis
Geplantes Ergebnis
Ziel ist ein offener DNOA 1.0 Standard mit einem praxistauglichen Assessmentbogen, einem verbindlichen Kennzahlenset, einem Wirkungsdashboard, Empfehlungen für Vorher-Nachher-Evaluationen sowie dokumentierten Praxisbeispielen.
Das Ergebnis soll Pflegeeinrichtungen ermöglichen, digitale Technologien nicht nach Implementierungsgrad, sondern nach tatsächlicher pflegerischer Wirkung zu bewerten. Gleichzeitig soll ein gemeinsames Vokabular für Entlastungswirkung, Digital Burden, Pflegezeitgewinn und digitale Integration entstehen.
Langfristig könnte DNOA als Referenzmodell für Förderprogramme, Transformationsstellen, Beschaffungsentscheidungen und wissenschaftliche Evaluationen digitaler Pflegeinterventionen dienen.
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